Mit dem Taxi in eine ferne Welt
16. September 2009 | Author: Julia Christ | Kategorie: Letzte Artikel
Wenn man ein man paar Augenblicke seinen kehligen und doch melodischen Lauten zuhört, fühlt man sich fast schon dort: In den staubigen Straßen Kairos, mitten im Stau in einem der über 60.000 Taxis. Für seinen Bestseller Taxi - Geschichten von unterwegs hat Khaled Al-Khamissi unzähligen Taxifahrern zugehört und das Gehörte literarisch verdichtet. Wenn der ägyptische Journalist und Schriftsteller die Fahrer sprechen lässt, legen sie Zeugnis von der Stimmung in Kairo ab.
Literatur füllt Lücke in Ägypten
Damit spiegelt er ein Ägypten, das von der repressiven Politik der Regierung zutiefst enttäuscht ist. Ein Land, in dem 1995 zwei Drittel der Wahlberechtigten gar nicht nicht erst zur Wahl erschienen sind. Einige von Al-Khamissis Zuhörern - meist Frauen - lachen laut auf an diesem Herbstabend während des 9. Internationalen Literaturfestival Berlins, wenn der Politikjounalist auf Arababisch von der 1300sten Wiederwahl von Staatpräsident Mubarak spricht. Dabei scheint er - ebenso wie seine Taxifahrer - die Hoffnung auf Veränderungen in seinem Land nicht ganz aufgegeben zu haben. “Literatur füllt eine Lücke in Ägypten”, sagt er. “Die Menschen sind Politik- und Zeitungsverdrossen. Aber seit ein, zwei Jahren boomt der ägyptische Buchmarkt.” Allein Al-Khamissis 2008 erstmals erschienene Werk Taxi wird in Ägypten bereits in der 17. Auflage gedruckt und wurde in mehrere Sprachen, unter anderem ins Englische und Spanische übersetzt. Die Regierung übe keine Zensur bei literarischen Werken aus. Denn - so Al-Khamissi - sie gehe davon aus, dass die Menschen sowieso nicht lesen.
Lesungen mit deutscher Stechuhrpräzision
Gerne möchte man noch mehr wissen über diese ferne, fremde Land, mehr erfahren über seine wahren Geschichten. Gern würde man den Schriftsteller noch das ein oder andere fragen. Doch mit deutscher Stechuhrpräzision ist die Zeit für Fragen aus dem Publikum auf nicht einmal zehn Minuten beschränkt. Im Festsaal fände gleich die nächste Veranstaltung statt, heißt es. In diesem Moment wünscht man sich, dass sich statt dessen besser der Moderator Christian Junge ein wenig beschränkt hätte mit seinen verschachtelten Fragen. Dass er sich selbst weniger und dem interessierten Publikum mehr Raum gegeben hätte. Aber vielleicht ist das zu egozentrisch gedacht, vielleicht sollte man selbst großzügiger, ja großherziger sein. Selbst mehr von seiner Zeit zum Lesen und Zuhören geben. Und bereit sein, die eigenen Vorurteile gegenüber der arabischen Welt noch ein Stück weiter loszulassen. Denn die arabische Welt gibt es nicht, ebenso wenig wie es die arabische Kultur oder Literatur gibt.
Bunte Bloggerwelt, lesbische Liebe und Zimtgeruch
Aber das Literaturfestival bietet eine Annäherung an die Mannigfaltigkeit dieses unbestimmten Begriffes und seine weißen Flecken. Das Festival öffnet die Tür, wenn auch nur einen Spalt breit, weil es anders wohl nicht geht. Weil die Realität der arabischen Welt so schwer zu fassen ist. Dann erfährt man auch ein wenig mehr. Man erfährt etwas aus der bunten Welt der ägyptischen Bloggerin Rehab Bassam, von den großen und kleinen Tragödien in den Kurzgeschichten des Marokkaners Yassin Adnan und der lesbischen Liebesgeschichte der Syrierin Samar Yazbek. Zimtgeruch heisst übrigens Yazbeks Roman übersetzt. Und man ahnt, dass es mehr als nur ein einziger Duft ist, den man wahrnehmen wird, hat man sich erst einmal eingelassen auf diese fremde, fasziniernde, irritierende Kultur.






