Gesundheitsdiktatur transmedial

12. September 2009 | Author: Sophia Buxbaum | Kategorie: Letzte Artikel

schallnovelleAm 18.9. erscheint ein Tonträger mit der dritten Metamorphose von Juli Zehs Corpus Delicti. Zuerst als Theaterstück auf der RuhrTriennale in Essen 2007 uraufgeführt, dann zwischen zwei Buchdeckel und in Romanform gebracht und jetzt mit eigens komponierten Songs der Rockband Slut unterlegt. Die CD zum Konzert von Juli Zeh und Slut, die eigentlich ein Hörbuch ist – oder so etwas Ähnliches: Schallnovelle nennt der Verlag das Resultat dieser transmedialen Wanderung. Ein Hörspiel mit viel Musik, jedoch eingängiger und kultverdächtiger, als Hörspiele es normalerweise sind. Juli Zeh beschreibt eine kuschelige Welt um die Mitte des 21. Jahrhunderts, in der die Wolken nicht mehr grau sind und die Umwelt nicht mehr verschmutzt ist. Stillgelegt sind Kies- und Kohlegruben, Fabriken, Autobahnen und Kirchen.

Hier stinkt nichts mehr. Hier wird nicht mehr gegraben, gerußt, aufgerissen und verbrannt; hier hat eine zur Ruhe gekommene Menschheit aufgehört, die Natur und damit sich selbst zu bekämpfen.

Diese Kulisse ist von einer Gesellschaft bewohnt, die ihren Mitgliedern ein ruhiges und gesundes Leben garantiert. Umgekehrt bedeutet dies allerdings auch, dass jedes Individuum zur unbedingten Gesunderhaltung des eigenen Körpers verpflichtet ist. Alle Körperdaten werden über einen implantierten Micro-Chip rigide überwacht, Verstöße werden streng geahndet: schon ist das Rauchen einer Zigarette eine Straftat geworden, ein Überschreiten der zulässigen Kalorienzufuhr ohne sportlichen Ausgleich ein kriminelles Delikt.
Angeklagt wird die Protagonistin Mia Holl jedoch wegen „methodenfeindlicher Umtriebe“. Die METHODE ist die naturwissenschaftlich fundierte Vernunftreligion der Gesundheitsapostel, auf ihr basieren Staatsapparat, Presse und Justiz. Wer die METHODE infrage stellt, gefährdet das Allgemeinwohl. Die METHODE verlangt blindes Vertrauen und bedingungslose Unterwerfung. Der Staat kann nicht zulassen, dass seine Untertanen einfach nach draußen gehen, um im Regen zu spielen. Sie könnten sich ja erkälten, und außerdem werden sie schmutzig. Und ach, die ganzen Bakterien! Der Staat als besorgte Übermutti und Hygiene-Klementine. Wen gruselt diese Vorstellung nicht? Wenn sich das noch mit schäubleschen Überwachungs-Phantasien und Totalitarismus paart, ist die Schreckensvision komplett.
Verweigerung ist die einzige Antwort der Protagonistin – und ihr Vertrauensentzug bildet das programmatische Kernstück des Textes.

Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich sebst als Normalität definiert. Ich entziehe einer Philosophie das Vertrauen, die vorgibt, dass die Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen beendet sei. Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.

Juli Zehs Stoff hat es jedenfalls verdient, mit den ganz großen Dystopien in einem Atemzug genannt zu werden: Parallelen zu Orwells 1984 sind unverkennbar, doch auch auf weniger bekannte Texte wie GO! Die Ökodiktatur von Dirk C. Fleck wird angespielt. Die Rockband Slut hat einfühlsame Songs dazu verfasst. Die Schallnovelle Corpus Delicti fesselt ihre ZuhörerInnen vom ersten Moment an.
Juli Zehs Blick richtet sich auf die Frage, wie viel Bevormundung wir als normal empfinden und hinzunehmen bereit sind. Schon der erste Track der CD spielt auf gekonnte und überraschende Weise mit diesem Thema. Die Schallnovelle ist keine ein-zu-eins-Übertragung des Buches in ein neues Medium, sondern lebt und überzeugt als eigenes Kunstwerk. So können wir verschmerzen, dass der bittere Schluss des Buches weggefallen ist. Auch die sympathische Figur der „idealen Geliebten“, Mias fiktiver Dialogpartnerin und alter ego, fand im Klangbild des Buches leider keinen Raum.
Gesamturteil: Hörenswert. Unbedingt.
Konzerte: 25.9. Köln – Kulturkirche, 4.10 Dresden – Beatpol, 5.10. Berlin – Babylon, 6.10. Hamburg – Grünspan, 8.10. Mülheim an der Ruhr – Ringlokschuppen, 25.10. Göttingen – Deutsches Theater

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