Sushi zum Lesen

2. September 2009 | Author: Sophia Buxbaum | Kategorie: Letzte Artikel

MitsukoLang schon ist’s her, dass an der Rändern der bewohnten Welt Monster hausten. Fabelwesen wie Zyklopen, Sciapoden – einbeinige Menschenartige, die sich mit ihrem überdimensionierten Fuß Schatten spenden konnten – und Menschen- oder sogar Fischfresser wie die Ichthyophagi. Sie gehörten von der griechisch-antiken bis zur mittelalterlich-europäischen Weltsicht zu den schrecklichen Bewohnern des Erdrandes. In der globalisierten Welt haben die entfernteren Gegenden heute zumeist an Schrecken verloren. Geblieben als Phänomen der Ferne ist jedoch „das Fremde“, dem man entweder angstvoll oder schwärmerisch begegnet, mit dem xenophoben Wunsch nach Abgrenzung einerseits oder voller Sehnsucht und dem exotistischen Wunsch nach Verschmelzung, nach mystischem Eins-Sein. Von dieser Sehnsucht nach dem Fremden handelt Christoph Peters‘ Roman Mitsukos Restaurant.

Ein Wanderheim mitten im Wald mit Wimpeln und Pokalen, PVC-Boden und Eichentresen, in dem auf sterne-verdächtigem Niveau japanisch gekocht wird; ein japanischer Fürst, der vor vier Jahrhunderten inkognito bei einem Star-Töpfer um Asyl bittet: Christoph Peters macht seine LeserInnen von Beginn an neugierig.

Die Hauptfiguren des Romans Mitsukos Restaurant sind Achim und Wolf, die in den 80er Jahren als niederrheinische Gymnasiasten ein Faible für Japan entwickelt haben. Zum bestandenen Abitur unternehmen sie eine Tour nach Düsseldorf, um dort Sushi zu essen. Einfach nur Sushi essen: Was heute in Düsseldorf auch mit kleinerem Geldbeutel kein Problem darstellt, gelingt den beiden Abiturienten damals nicht. Ein erstes Scheitern auf der Suche nach der Welt der „Fischesser“, ein erstes Kapitel der Geschichte einer unerfüllten Liebe zum Reich der Zeichen.

Jahre später, in der Jetztzeit, kehrt Achim zum ersten Mal in jenem geheimnisvollen Provinzrestaurant ein:

„Was gibt es denn?“ „Verschiedene Würste. Hausmacher. Und ab halb sechs haben wir japanische Küche.“ „Rohen Fisch?“ Die Kellnerin verdrehte die Augen, als hörte sie diese Frage zum siebenundzwanzigtausendeinhundertdreiundachtzigsten Mal und sagte: „Die japanische Küche hat sehr viel mehr zu bieten als rohen Fisch.“

Auch ohne Sushi und Sashimi kann Mitsukos japanische Kochkunst überzeugen. Achim bringt bald darauf seinen Schulfreund Wolf mit ins Restaurant. Der arbeitet „ganz zufällig“ als Chirurg in der Nähe und taucht von da an gerne mit mafiös wirkenden Japanern auf. Mitsuko lebt übrigens mit dem Deutschen Eugen zusammen, der den gutbürgerlichen Teil des Kneipenrestaurants gestaltet hatte und für die Wurstwaren verantwortlich zeichnet.

Dann passiert viele Seiten hindurch eher wenig: Achim verliebt sich in Mitsuko und beginnt, in der Küche des Restaurants zu jobben. Eugen heiratet Mitsuko. Im Restaurant wird eine junge chinesische Germanistin als Aushilfe eingestellt.

Achim verhält sich, obwohl inzwischen Ü40, wie ein verliebter Pennäler. Er beschäftigt sich mit japanischen Traditionen und gibt nie die Hoffnung auf, sich Mitsuko irgendwann annähern zu können. Als Ersatzhandlung flirtet er mit der chinesischen Germanistin, die jedoch lieber mit ihm über seine Gedichte sprechen möchte.

Der zweite Erzählstrang spielt vor einigen hundert Jahren in Japan. Hier lernen wir den Fürsten Takanosu Noroshige kennen, der inkognito beim Töpfer Tsujimura Kōsei untergekommen ist und ihm bei der Fertigung kostbarer Teeschalen zusieht.

Kōsei horcht, was der Ofen ihm sagt. Prasseln und Knistern lassen schon wieder nach, die Rauchschwaden dünnen rasch aus. Er steht auf, nimmt weitere Scheite, öffnet die Klappe, weicht unwillkürlich zurück. Sengende Hitze, gleißende Helligkeit schlagen ihm ins Gesicht, darin Schemen von Vasen und Vorratsbehältern kurz vor der Weißglut. Die Steine im Einwurf schimmern vom Glasfluss, als wären sie mit einer Lackschicht bestrichen. Sobald ein Scheit durch die Öffnung fliegt, steht es in Flammen.

So entsteht die „Narbenprinzessin“, eine Teeschale, die Mitsuko später erbt. Mitsuko Nishida stammt nämlich aus reichem Elternhaus. Ihre exquisiten Kochkünste verdankt sie ihrer Ausbildung als Köchin in einem Schweizer 5-Sterne-Hotel.

Als kleines Geschenk hält Mitsuko eine Teezeremonie für Achim ab. Damit kommt sie seinen folkloristischen Interessen entgegen. Achim sieht die legendäre Teeschale und erkennt sie als Produkt des berühmten Tsujimura. Nach der Zeremonie fragt er ergriffen, wie sie denn in den Besitz von Mitsukos Familie gelangt sei. Habe gar ihre Familie etwas mit Tsujimuras Tod zu tun gehabt? Mitsuko bügelt seine Fragen ab. Kurz danach verschwindet sie – für alle überraschend – nach Australien.

Nicht nur sie, sondern fast alle ProtagonistInnen aus Mitsukos Restaurant folgen weiter ihrem Weg der Sehnsucht nach dem Fremden – und seiner exotistischen Verkennung. Fast so stark wie die antiken Bilder von den Monstern am Rande der Welt verhindern die folkloristischen Klischees eine echte Auseinandersetzung mit dem Fremden.

In seiner Detailtreue, was japanische Gerichte, Gedichte, Töpferwaren und deren Herstellung angeht, scheint auch dem Erzähler zu unterlaufen, was er an seinem ewigen Looser Achim kritisiert: die Begeisterung für japanische Tradition und deren folkloristische Reproduktion verdeckt beinahe die Tatsache, dass außer einer unerfüllten Liebe eigentlich nichts gewesen ist.

Achims und Mitsukos Sehnsucht ist eher eine Flucht in die Ferne. Eine Flucht vor sich selbst jedoch ist – wie bei Conrads Lord Jim – immer zum Scheitern verurteilt.

Tags: , ,

Kommentar schreiben