Gutes Google, schlechtes Google?

24. August 2009 | Author: Anja Krieger | Kategorie: Letzte Artikel

Für 125 Millionen Dollar möchte Google sich das Recht kaufen, Bücher amerikanischer Bibliotheken und Universitäten zu digitalisieren. So sieht es das “Book Settlement” vor, das Google im Oktober letzten Jahres mit US-amerikanischen Autoren- und Verlegerverbänden abgeschlossen hat. Da hatte Google bereits vier Jahre lang fröhlich Bücher digitalisiert, ohne die Rechte für irgendwas zu haben. Nun kauft sich Google von diesen Ansprüchen frei. Ganz zu Ende gesettled ist die Sache damit nicht: Der Vergleich wird noch kartellrechtlich untersucht, die letztgültige juristische Absegnung steht aus.  Bis zum 4.September können Einwände erhoben werden, für den 7.Oktober ist eine gerichtliche Anhörung angesetzt. Indessen formiert sich eine immer stärkere Opposition. Doch wer vertritt in diesem Streit eigentlich welche Interessen?

In Deutschland, wie in anderen europäischen Staaten, gibt es gleich von mehreren Seiten lauten Protest: Der Börsenverein des deutschen Buchhandels,  die VG Wort, Kulturstaatsminister Neumann und die Unterzeichner des Heidelberger Appells sind der Meinung: Was der Oberdatenkrake aus Mountain View da ausgeheckt hat, ist monopolistisch und widerrechtlich, und mit dem Book Settlement längst nicht erledigt. In den USA protestieren an der Seite von Büchereien und Non-Profit-Gesellschaften mittlerweile auch Microsoft, Yahoo und angeblich auch Amazon. Gerüchten zufolge ist eine “Open Book Alliance” gegen GoogleBooks geplant.

Die Europäer beschweren sich, dass europäische Autoren nichts unterschrieben haben und ihre Werke in den USA doch digitalisiert werden können. Die Kontrolle über die Informationen der Welt dürfe außerdem nicht einer Firma überlassen werden. Berechtigte Argumente, die allerdings nicht frei von Doppelmoral sind, wie Beobachter feststellen: Für Maik Söhler von der netzzeitung ist die Diskussion um die Rechte der Autoren und Monopolisierung von Wissen scheinheilig. Letztlich gehe es um einen Kampf von Konkurrenten, die eigentlich dasselbe wollten:

“Man muss die durch enorme Mengen an Daten, Gadgets und Geld um Google geballte Macht nicht mögen, um zu verstehen, dass sich in dieser geharnischten Debatte vieles darum dreht, dass andere gerne jenes Monopol hätten, das sie Google unterstellen. Google ist kein Monopolist und das Unternehmen wird auch keiner werden, wenn andere, denen offline bislang wichtiger war als online, endlich mal im Internet des Jahres 2009 ankommen.”

Aus dieser Perspektive zofft man sich also im Namen von Werten ums Monopol. Was aber bedeuten das Google Book Settlement und die Digitalisierung von Büchern für Autoren? Kommt der Tag, an dem Autoren, ähnlich wie in der Musikindustrie, Lesetourneen zur neuen Haupteinnahmequelle machen, weil alles andere kostenfrei im Netz steht?

Das fragt US-Autorin Michelle Richmond. Und antwortet: Halb so wild. Das Book Settlement sei vielleicht für Autoren gar nicht so katastrophal, im Gegenteil. Durch die Digitalisierung hätten Leser Gelegenheit, in ihre Bücher herein zu lesen. Google würde so für Werbung für die eigenen Titel sorgen. Gleichzeitig behielten die Autoren aber Kontrolle über die Art und Weise, wie Google ihre Bücher verwende:

“Ich verstehe es so, dass es [nur] eine Sache gibt, die der Autor aufgibt, wenn er sich mit dem Settlement einverstanden erklärt: Das Recht, Google wegen der digitalen Verwendung eigener Bücher zu verklagen. Abgesehen davon behält der Autor im Rahmen der Bedingungen des Settlement alle Rechte, die er sich nur wünschen könnte. Zu jedem Zeitpunkt kann man Google bitten, die eigenen Bücher aus der Suchmaschine zu entfernen. Man kann auch eine abweichende Gebühr aushandeln. Und man behält das Recht, den Verleger davon abzuhalten, jedes Buch, das man als Druckversion geschrieben hat, über Google Books in welchem Art auch immer verfügbar zu machen. Man kann seine Meinung [auch] ändern - z.B. kann man zu jeder Zeit entscheiden, dass man nicht möchte, dass Google die eigenen Bücher anzeigt.”

Allerdings, mutmaßt die Autorin, könnte sich Google möglicherweise doch irgendwann als Rumpelstilzchen herausstellen, das erstmal nur den Ring und am Ende das ganze Kind will. Was die meisten Autoren von den Gewinnen sähen, reiche höchstens für “Papier und eine Flasche Scotch”, meint Richmond spöttisch - während sich Google mit gut einem Drittel der Gewinne ein goldenes Näschen spinnt.

In jedem Fall ist die Digitalisierung des Wissens ein Gewinn, findet Thomas Knüwer im Handelsblatt: “Die Möglichkeit, die ganze Literatur der Welt nach Wissen zu durchforschen, ist nicht das Ende der Wissensgesellschaft - es ist ihr Anfang.” Diesen Anfang müsse man erst einmal finanziell stemmen. Und das können eben gerade wenige - außer Google.

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