Flarf ist Patalyrik
22. Juli 2009 | Author: Anja Krieger | Kategorie: Letzte Artikel
Es war einmal Roi Ubu, ein kleiner König mit aufmüpfigen Darmwindungen, dem gerne das schöne Wort “Merdre!” oder auch “Schreiße!” entfuhr. Sein geistiger Vater, Alfred Jarry, schuf die Pataphysik, die “Wissenschaft der imaginären Lösungen”, erstmals erwähnt 1893 und dann höchst infektiös: Picasso und Miró porträtierten Ubu und seine alte Dame, die Beatles ließen ihre quizzical Joan zuhause Pataphysik üben. Große Denker, unter anderem Umberto Eco oder Jean Baudrillard, schlossen sich der pataphysischen Bewegung an und organisierten sich im College de Pataphysique und dem London Institute of Pataphysics. Und erst kürzlich, relativ gesehen, brachte der deutsche Pataphysiker Klaus Ferentschik ein umfassendes Bild- und Textkompendium der einflussreichen geistigen Bewegung heraus. Vive la Pataphysique!
Seit einigen Jahren hat die Pataphysik nun eine lyrische Schwester: Den Flarf. Das weltweit erste Flarfpoem schrieb der amerikanische Dichter Gary Sullivan, es stammt aus dem Jahr 2000 und wurde in New York zu Papier gebracht. Das berichtet das Magazin Poets & Writers unter dem zweifelnden Titel “Can Flarf ever be taken seriously?“. Sullivan eröffnet so:
“Yeah, mm-hmm, it’s true / big birds make / big doo! I got fire inside / my ‘huppa’-chimp(TM) / gonna be agreessive, greasy aw yeah god / wanna DOOT! DOOT! / Pffffffffffffffffffffffffft! hey!”
Der Entstehungsmythos besagt, dass Sullivan dieses Gedicht verfasste, um seinen betrogenen und gerade im Sterben begriffenen Großvater zu rächen. Dem hatte eine selbsternannte “International Library of Poetry” das Geld aus der Tasche gezogen. Die “Organisation”, ein trickreicher Zuschussverlag für Einzelgedichte, schrieb einen Lyrikwettbewerb aus, akzeptierte aber jedes eingereichte Gedichts und ließ sich dann von den “Gewinnern” die Gesamtanthologie für fünfzig Dollar abkaufen. Sullivan reichte deshalb das schlechtmöglichste und oben zitierte Gedicht ein. Nachdem er damit ebenfalls den Wettbewerb “gewonnen” hatte, schickte er es im Freundeskreis herum, der seinerseits mit schlechtmöglichster Lyrik antwortete.
Dann aber geschah etwas Unerwartetes: Das Ganze bekam eine Eigendynamik, und die schlechten Dichter begannen ihre schlechten Gedichte zu mögen. Mittlerweile ist das Werk des Flarf stattlich, weiß Poets & Writers:
“So far, at least sixteen books of Flarf have been published—a flurry of them just in the past several years. Since 2006, the Bowery Poetry Club in Manhattan has held an annual three-day Flarf Festival that features poetry as well as “flarfy” music, theater, and film. Last September a group of Flarf poets were invited to read at the Walker Art Center in Minneapolis. In April, New York City’s Whitney Museum of American Art hosted its own Flarf reading. And in November, Washington, D.C.–based independent publisher Edge Books will release a four-hundred-page anthology, Flarf: An Anthology of Flarf, featuring the work of twenty-five to thirty poets.”
Ziemlich ernstzunehmende Sache also. Prrrt, prrrt!






