Urheberrechte im Netz
7. Juli 2009 | Author: Anja Krieger | Kategorie: Letzte Artikel
Kulturflatrate, Open Access, GoogleBooks und E-Reader - die Diskussion um Urheberrechte im Netz ist mittlerweile ein ganz schönes Begriffsknäul. Hier eine Sichtung einiger Artikel und Links zum Thema.
Im Frühjahr sorgte der Heidelberger Appell, ein Aufruf zum Schutz der Urheberrechte (hier der Artikel in der Faz) für Diskussionsstoff. Dort stellten die Unterzeichner, darunter ZEIT-Herausgeber Michael Naumann und Schriftsteller Daniel Kehlmann, fest:
Das geistige Eigentum ist im Internet massiven Angriffen ausgesetzt. Das Abkommen der Internetsuchmaschine Google mit amerikanischen Verlegern droht auch das deutsche Urheberrecht auszuhebeln. Plattformen wie GoogleBooks und YouTube machen sich geistiges Eigentum in bisher ungekanntem Ausmaß straflos zu eigen - auch wenn sie gegen nationales Recht verstoßen. Die Autoren drohen so die Entscheidung über die Publikationsform ihrer Werke zu verlieren. Die Politik verfolgt diese gigantische Wissenspiraterie weitgehend passiv.
Matthias Spielkamp, Betreiber des Immateriblog und des mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Portal Irights. info kritisiert den Heidelberger Appell massiv, da der sich auch gegen die im Wissenschaftsbetrieb entstandene Open-Access-Bewegung richtet.
Beim Open Access geht es um eine Reformierung beziehungsweise Umgehung von Strukturen, die sich im wissenschaftlichen Publikationsbetrieb etabliert haben, wie Spielkamp erläutert: Dort schreiben und begutachten Wissenschaftler umsonst Artikel für Fachzeitschriften und geben gleich ihre Rechte auf Wiederverwendung des Materials mit ab. Die renommierten Blätter werden dann für horrendes Geld an die Universitäten verkauft, an denen die Autoren selbst lehren und forschen. Da mittlerweile die Kassen knapp sind, können sich oftmals Unis die Texte der eigenen Wissenschaftler nicht mehr leisten. Auf diesen Missstand reagiert Open Access: Die Wissenschaftler stellen ihre Texte einfach selbst ins Netz, behalten die Kontrolle über ihr Werk, das zudem breiter verfügbar wird und so die Forschung besser weiter bringen kann, als wenn es exklusiv und zu hohem Preis in einer Zeitschrift erscheint. Matthias Spielkamp schreibt über den Heidelberger Appell:
Ein Geniestreich: Warum nicht einfach die Jahre alte, empirisch überaus gut fundierte Open-Access-Bewegung mit der aktuellen Verwirrung über Googles Digitalisierungsprogramm “Google Books” in einen Topf werfen, einmal quirlen und als Popanz aufbauen, dem man dann mit einem Schlag den Garaus machen kann - obwohl beide nichts miteinander zu tun haben?
Bei GoogleBooks handelt sich im Gegensatz zum Open Access nicht um die Publizierung im Netz durch die Autoren, sondern um eine Digitalisierung bereits publizierter Werke und deren Verfügbarmachung im Netz. In beiden Fällen entstehen Rechtefragen, sind aber ganz verschieden gelagert, was die Vergütung der Autoren und ihre Motive und Beteiligung angeht. Die Begriffe wurden auch in der Presse vermengt, so in der taz: “Google-Piraterie und der ‘Open-Access’-Schwindel sind gefährlicher als die Piraterie entlang der somalischen Küste”.
Andere stellen jedoch fest: “Pragmatisch betrachtet ist eines klar: Alles was digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden”, wie Alexander Braun in seinem Beitrag zu “Ökonomie der Buchindustrie” (hier ein Auszug) schreibt.
Mit Kopierschutz und ähnlichen Mechanismen, wie dem DRM beim Kindle-Reader, versucht die Industrie, die Konsumenten davon abzuhalten, alles, was einmal digitalisiert ist, kostenlos verfügbar zu machen - und liefert sich mit denen, die den Kopierschutz wieder knacken, ein Katz-und-Maus-Spiel. Am Ende ist das meiste doch digital zu haben, auf die eine oder andere Weise.
Aus der Enteignung jetzt auch noch politische Agenda zu machen - das wird der Piratenpartei vorgeworfen, die gerne als Verein von Raubkopierern dargestellt wird, der im rechtefreien Raum arme Verlage, Autoren, Musiker, Fotografen und andere Urheber beklaut. In ihrem noch schlanken Parteiprogramm denkt die Piratenpartei eine umfassende Modernisierung des Urheberrechts an, die die freie Vervielfältigung von Kulturgütern beinhaltet. Die Forderung lautet,
“das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern, um die allgemeine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur zu verbessern, denn dies stellt eine essentielle Grundvoraussetzung für die soziale, technische und wirtschaftliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dar.”
Doch kann künstlerisches Schaffen unter solchen Voraussetzungen überhaupt ökonomisch überleben? fragen viele und warnen vor einem durch die zunehmenden Verletzungen des Urheberrechtes ausgelösten Absterben künstlerischen Schaffens. Andere behaupten das Gegenteil: Die Produktivität werde eher zu, als abnehmen, denn mit dem Vervielfältigungsaufwand habe auch der Produktionsaufwand abgenommen - mittlerweile genügen Laptop und Internetzugang, um die Inhalte eines ganzen Buches weltweit zu publizieren.
Aber auch Laptop und Internetzugang wollen gekauft werden, und ab und zu müssen auch Urheber etwas essen. Und insofern stellt sich die Herausforderung, die im Programm der Piratenpartei angedacht ist: Wie geht man damit um, dass es einerseits noch illegale, aber kaum mehr rückgängigmachbare Praxis ist, dass Werke verfügbar gemacht werden - andererseits aber Menschen von ihren Werken leben wollen und müssen? Laut Parteiprogramm möchten die Piratenpartei die Urheber bei der Verteilung der ‘Beute’ nicht zu kurz kommen lassen:
Wir erkennen die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang an. Die heutige Regelung der Verwertungsrechte wird einem fairen Ausgleich zwischen den berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Urheber und dem öffentlichen Interesse an Zugang zu Wissen und Kultur jedoch nicht gerecht.
Wie genau es aber zu diesem “fairen Ausgleich” kommen soll, das wissen wohl auch die Piraten noch nicht genau - in den Kommentaren zu diesem Punkt des Programms hat sich bereits eine hitzige Diskussion entwickelt.
Der meistzitierteste Vorschlag für einen solchen “fairen Ausgleich” ist die Kulturflatrate - eine pauschale Abgabe für alle Internetnutzer. Die allerdings erinnert viele an die GEMA und hat in mehrerer Hinsicht Kritik geerntet: Sie sei eine Zwangsabgabe, bedeute zuviel Verwaltungsaufwand, berge zudem Betrugsgefahr durch leichte Manipulierbarkeit und bedeute für die Künstler eine ungerechte Verteilung, die mehr Aufwand in ihre Produkte steckten.
In jedem Falle zeichnet sich nicht nur eine Umgestaltung des Urheberrechts ab, sondern auch eine neue Grundeinstellung gegenüber kulturellen Erzeugnissen. Die dürfte der kollektivistischen Einstellung der chinesischen Gesellschaft mehr ähneln als der, die zur Zeit im Westen noch Gesetzbücher füllt.






