Funk that Lecture

18. Juni 2009 | Author: Anja Krieger | Kategorie: Letzte Artikel

Berlin1 Rio de Janeiro gilt als geteilte Stadt - auf der einen Seite die wohlhabenderen Stadtviertel, auf der anderen die Armenghettos Favelas. Stadtsoziologe Stephan Lanz fuhr 2005 mit einer Seminargruppe der Europa-Universität Viadrina in die brasilianische Metropole, um die Subkulturen der Favelas zu erforschen. Nach fast zweiwöchiger Recherche kamen die jungen Kulturwissenschaftler mit einer solchen Fülle an Material zurück, dass es die universitäre Schublade sprengte - und wurden von Studenten zu Herausgebern: “Funk the City” heißt das Buch, dass sie jetzt vorstellten.

“Die Favelas werden in den Medien oft mit Gewalt und Drogen assoziiert”, sagt Nadine Jäger, die Koordinatorin des Autorenkollektivs. “Wir brachten eine andere Perspektive mit, und die wollten wir an die Öffentlichkeit bringen: Favelas bergen ein besonderes Kreativitätspotential - und entgegen aller Vorurteile findet dort ganz normales Leben statt.”

Vom Seminar zum Projekt

Aus den Reiseteilnehmern kristallisierte sich ein Kernteam heraus, dass das Projekt weiterführen wollte. Im Sommer 2005 veranstalteten die Studenten eine Ausstellung mit Fotographien, Filmen und Hörmaterial aus Rio. Danach planten sie eine große Konferenz mit Künstlern. Doch schnell wurde klar, dass es an Ressourcen fehlte, um das Event zu stemmen - nebenbei mussten ja auch noch Studienabschlüsse und Arbeitseinstiege geschafft werden. Die Alternative war das Buch. Das hat am Ende auch eine Menge Anstrengung gekostet, aber gelohnt: Die jungen Stadtforscher haben den Sprung von der Seminararbeit zur Publikation geschafft.

Von der Hausarbeit zum Buch

Zuvor redete sich das Herausgeberkollektiv um die Konzeption die Köpfe heiß. Allein für den richtigen Titel wurden “nächtelang Worte in Kneipen hin- und herbewegt”. Auch bei den Details war viel zu klären: Sollte im Plural von ‘Musikern’ oder ‘MusikerInnen’ gesprochen werden? Klar war, es sollte keine rein wissenschaftliche Publikation werden, sondern eine, die dem Thema auch in der Darstellung gerecht würde: Mit Fotostrecken, Liedtexten, eigenen Beiträgen der Studenten und Artikeln von Wissenschaftlern und Journalisten. Neben Rio de Janeiro wollten die Studenten auch ihre eigene Stadt beleuchten: “Berlin und Rio sind natürlich ganz verschieden. Aber die Mediendiskurse über das, was aus marginalisierten Vierteln oder ‘von unten’ kommt, ähneln sich sehr - und auch das, was dort entsteht: Street Art, Graffiti und Musik, wie Hip Hop oder Baile Funk.”

Von Studenten zu Herausgebern

“Es gab Phasen, da lagen die Nerven blank”, erzählt Nadine Jäger. “Und wir waren noch unerfahren. Dass wir uns zum Beispiel vorher nicht auf eine einheitliche Formatierung der Texte geeinigt haben, hat uns später viel Zeit gekostet”. Da gingen noch einmal Stunden für das Vereinheitlichen von Anführungszeichen oder die Überarbeitung von Literaturlisten drauf.

Verdient hat das Herausgeberkollektiv bisher nichts. Die Produktionskosten musste es selbst beschaffen. Eine große Soli-Party mit DJs und Ausstellung deckte einen Teil der Kosten, einen weiteren schoss die Europa-Universität bei. Die Verlagssuche, für viele Autoren die größte Hürde, blieb den Studierenden erspart: Dozent Stephan Lanz ist Mitherausgeber der Reihe “metroZones” beim Berliner Verlag b_books.

Dass das Buch nach vier Jahren Arbeit nun erschienen ist, verdankt sich dem Engagement und der Ausdauer der Beteiligten: “Wir hatten eine gute Gruppendynamik und haben uns alle sehr stark mit dem Projekt identifiziert”, sagt Nadine Jäger. “Denn letztlich steckte auch eine politische Frage dahinter, die uns alle interessierte: Wie ist Widerstand in einem superkapitalistischen System noch möglich?”

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“Funk the City – Sounds und städtisches Handeln aus Rio de Janeiro und Berlin”
Herausgeberkollektiv: Stephan Lanz, Gese Dorner, Katharina Gaber, Nele Harlan, Sigurd Jännerjahn, Nadine Jäger, Birke Otto, Swantje Plähn.
Berlin, b_books, 2008
218 Seiten, 18 Euro

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