Übers Nichtlesen

17. April 2009 | Author: Anja Krieger | Kategorie: Letzte Artikel

Bayard Bis zum Schluss lesen muss man es natürlich nicht. “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat”, erklärt der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard auch schon auf den ersten Seiten

Der Autor warnt gleich zu Anfang des Buches vor den Gefahren des Lesens: Wer sich in ein Buch versenkt, opfert damit zahlreiche andere, die er hätte lesen können. Er verliert damit den Überblick zugunsten eines Werks.

Satirisch führt Bayard die Literaturwissenschaft ad absurdum: Literatur werde, so der Autor, nicht vom Inhalt der Bücher, sondern von ihren Beziehungen untereinander bestimmt. Weisheit entstehe dann, wenn es gelänge, möglichst viele Bücher zu erfassen und zueinander in Beziehung zu setzen. Idealtyp dieses Lesers ist der Bibliothekar, der selbst kein einziges seiner Bücher gelesen hat. Die Figur stammt aus Musils “Mann ohne Eigenschaften”, den Bayard natürlich nicht gelesen hat.

Die klassische Form des Lesens ist hinderlich. Und überhaupt, fragt Bayard, wer liest schon so, von Buchdeckel zu Buchdeckel? Da gibt es doch eine Menge andere Wege, mit Büchern umzugehen: Buchdeckel ansehen und wieder ins Regal stellen, den Inhalt per Inhaltsverzeichnis voraussehen, den Klappentext lesen, ein wenig herumblättern und hier und da hängen bleiben. Und weil Bayard seine Theorie sehr ernst, um nicht zu sagen bierernst nimmt, gehört auch das Buch, von dem einem jemand erzählt hat, zu den Arten des (Nicht)Lesens, als Stammtischlektüre sozusagen.

Auch die Experten aus den literaturwissenschaftlichen Fakultäten arbeiten so. Viele der Professoren, die er kenne, hätten Proust nicht gelesen haben und würden trotzdem über ihn dozieren. Und wieso auch nicht?

Nur etwas mehr Transparenz wünscht sich Bayard. Mit einem ausgeklügelten System will er die klassischen Quellenangaben um dieses Lesart ergänzen: So könne der Leser sehen, ob man ein Buch gelesen (”GB”), quergelesen (”QB”), jemand einem davon erzählt habe (”EB”), es einem unbekannt sei (”UB”) oder man es schon vergessen hat (”VB”).

Bis zu Seite 95 bin ich bei dieser schönen 214-seitigen Literaturwissenschaftssatire gekommen. Ich bin versucht, sie weiter, ja vielleicht sogar zu Ende zu lesen. Wenn das Bayard wüsste. Gut, dass ich sie bald vergesse. Sonst sieht man ja den ganzen Wald nicht vor lauter Bäumen.

Für die brenzligen Momente, um die es in seinem Buch geht, empfiehlt Bayard übrigens: “I. Sich nicht schämen. II. Sich durchsetzen. III. Bücher erfinden. IV. von sich sprechen”.

Siehe Inhaltsverzeichnis.

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